Landwirtschaftliche Tagung 2011
Von Brennpunkten zu Leuchtpunkten
Es sei ein Abenteuer, so eröffnete Ueli Hurter die Landwirtschaftliche Tagung, die vom2. bis 5. Februar 2011 am Goetheanum stattfand.
Auf Vorträge und inhaltliche Arbeitsgruppen wurde weitgehend verzichtet und stattdessen wurden unter Leitung vonClaus-Otto Scharmer (Theorie U) und Sozialaktivist Nicanor Perlas sogenannte Zukunftslabore eingerichtet. In den großen Werkstatträumen des Goetheanum, der Schreinerei und der Bühne versammelten sich je 300 Landwirte und Interessierte, um die Zukunft gegenwärtig sein zu lassen.
Die Ökoaktivistin Vandana Shiva rief den Teilnehmenden zu, dass es ohne eine Würde der Erde keine Würde des Menschen geben könne. Sie erinnerte daran, dass sich um Bodenressourcen, um die Patente des Lebens ein Kampf abspiele. Damit war ausgesprochen:Wir sind Teil einer globalen Verantwortungsgemeinschaft.
Stefan Brotbeck, Philosoph, entwickelte die beiden Zukunftsbegriffe adventus und futurum. In einer schnellen Zeit beschränke sich Zukunft auf das Erledigen von Terminen. «Mähdrescherzukunft» nannte er diese Mühle der Pflichterfüllung.
Seelischer Reichtum
Dann geschah etwas, was für den Zauber der Landwirtschaftstagung Anteil hatte: Ilsabé Zucker hatte im vergangenen Jahr weltweit Interviews über die ‹Brennpunkte› des biologisch-dynamischen Landbaus geführt. Nun saßen einige auf dem Proszenium und lasen aus diesen Gesprächen vor. «Demeter als eine Premiummarke für die Oberschicht. Reicht das als Beitrag für die Zukunft der Menschheit?», «Kämpfer auf verlorenem Posten oder Teil einer vernetzten Zukunftsbewegung?» Solche Hilferufe, Sehnsüchte und Visionen ließen den seelischen Reichtum der anthroposophisch orientierten Landwirtschaft gegenwärtig sein. Spätestens jetzt wurde verständlich, warum Claus-Otto Scharmer auf diese ‹Feldarbeit› solchen Wert gelegt hatte. Mit diesem Dreischritt war im Denken, Fühlen,Wollen die Gegenwart erreicht.
An der Schnur des von Scharmer entwickelten U-Prozesses ging es mal mit sich selbst, mal in Fünfergruppen, mal im Zweierspaziergang in den zwölf Stunden Zukunftslabor darum, etwas von der im Entstehen begriffenen Zukunft
hereinzuholen. Während es zum Kern anthroposophischer Arbeit gehört und jeweils am Morgen in Studien zu den Leitsätzen Rudolf Steiners geübt wurde, den Willen in die Gedankenführung zu bekommen, stand an der Tagung der umgekehrte Weg in der Mitte: das Denken in den Willen zu bekommen, Strategien derWillensbefähigung zu ergreifen.
Wirkungsmächtigkeit
Wie kames zu der besonderen Vitalität und Empathie an der Tagung? Vermutlich ist es ähnlich wie mit der gewaltfreien Kommunikation: Sie fußt auf europäischen Gedanken, hat aber erst durch den Griff von Marshall Rosenberg ihre kulturwirksame Kraft gefunden. Zum amerikanischen Geist gehört es, dass er Ideen Wirkungsmächtigkeit (drive) zu verleihen vermag. Aus diesem Geist schöpft Claus-Otto Scharmer, dessen Wahlheimat Boston ist. Mit Nicanor
Perlas entstand ein Brückenschlag, wie er weiter kaum sein könnte und der Befähigung des Einzelnen dienen sollte. Auf die Frage, wie man den Enthusiasmus in den Alltag bringen könne, antwortete Scharmer mit drei Ratschlägen:
Tägliche Stille, ein intimer Gesprächspartnerund das Ziel vor Augen.
Wolfgang Held